Mauerspechte auf der Heilbronner Hütte
Der Mauerfall auf 2320 Metern Höhe
Von Gerhard Schwinghammer
Der Handschlag war mehr als eine Pflichtübung. „Volker, du hast dein Meisterstück als Hüttenwart abgeliefert“, sagte Siegfried Lutz (69), ehemals Vorsitzender des Bezirksgruppe Künzelsau der Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins, zu Volker Lang (33). Der Generationen-übergreifende Handschlag fand nach dem einwöchigen Einsatz des 15-köpfigen DAV-Arbeitstrupps statt, bei dem auf 2320 Metern Höhe Alt und Jung in der und um die Neue Heilbronner Hütte für ein ehrgeiziges Projekt schufteten. Das 1928 eingeweihte Haus soll bis zur Eröffnung am 23. Juni 2011 generalsaniert sein.
Samstag 8 Uhr Treffpunkt Alpinzentrum Heilbronn. Volker Lang hat Autobahn-Vignetten, Maschinen, Schutzbrillen, Handschuhe, Atemschutzmasken und Teppichmesser dabei. Hans Weilguni und Ralf Egert aus Eppingen bringen Volker Nowacki aus Frankenbach, Axt, Kettensäge, Vorschlaghammer, Schaber, Sackkarre, Fliesenschneider und mehr mit. Siegfried Gehrig aus Biberach schleppt zwei Werkzeugkoffer, Toni Kammerer eine kleine Elektrowerkstatt an. Auch der neue Sektionsvorsitzende Bernd Bührer mit Frau Ulla und sein Vorgänger Ingo Nicolay, Gepäck und Wein gehen mit.
356 Kilometer später ist in Gaschurn Treffpunkt mit Siegfried Lutz aus Künzelsau sowie den Schwäbisch Hallern Roland Weinmann und Werner Welebni. Mit dem schwer beladenen Jeep voraus geht die Fahrt von 1000 auf 1938 Meter. Die einstündige Rest-Etappe wird gewandert. Hüttenwirt Fredi Immler serviert den Begrüßungs-Schnaps. Betten werden bezogen. Dann geht es gleich auf die Baustelle.
„Das ist der Wahnsinn“, entfährt es Fredi am Abend. Ein Teil der widerspenstigen Terrassen-Brüstung ist weg. Zimmer sind geräumt, Wände nieder- und Böden rausgerissen. Toni repariert auch die Geschirrspülmaschine.
Sonntag Das Außen-Thermometer zeigt 5 Grad. Sabine Irmscher (30) und Julia Haug (23), die Frauen im Team, reparieren auf verschneiten Wegen rund um die Hütte Markierungen. Die „Mauerspechte“ setzen ihr Zerstörungswerk fort. Anderntags werden die großen Brocken mit dem Radlader in den Beton-Container gehievt. Maurer Siegfried sieht den Mauer-Fall mit Wohlgefallen: „Seit zehn Jahren mache ich auf die kaputte Terrasse aufmerksam.“ Architekt und Bauleute kommen zur Besprechung auf die Hütte. Ideen werden diskutiert, Verträge im Wert von 60000 Euro von Bernd Bührer und Volker Lang unterzeichnet.
Einsetzender Regen bremst die Arbeitswut kaum. „Wo ist der Geißenfuß?“ Das begehrte Gerät hilft Horst Heyn beim Wegstemmen von Fassadenbrettern, Ingo bei den Bodenbrettern und beim Rausziehen von Nägeln. Der Abend klingt bei Witz, Wein und bestem Essen aus der Küche von Angelika Immler gesellig aus. Volker, seit 2008 Hüttenwart, beschreibt seine Aufgabe neu: „Wie werde ich in acht Tagen 20 Jahre älter?“
Montag Acht Schüler und eine Schülerin der Klasse 1BFMI2 für Metall und Installationstechnik an der Heilbronner Wilhelm-Maybach-Schule werden am Bahnhof im Tal abgeholt. Der Technische Lehrer Ronny Wolf: „Für die Klasse ist es toll, wenn sie berufsbezogen unterwegs sein kann.“ Lehrerin Cornelia Thormählen nennt es „mehr Lebenswirklichkeit“. Sie demontieren die massive alte Elektroheizung. Stefanie Ungerer, Anlagentechnikerin im 1. Ausbildungsjahr, staunt: „Solch einen Kessel habe ich noch nie gesehen.“ Wertvolles Kupfer wird aussortiert.
Dienstag Witzbold Werner beginnt den Tag: „Mich ekelt es zum Geschäft.“ Es ist ein typischer Tag. Überall wird gewerkelt: Neue Wandplatten in der Küche, Nummerierung von 142 Fassaden-Brettern, damit sie später wieder richtig eingesetzt werden können, Folienmontage für den Fassadenunterbau, Umbau und Vergrößerung der Werkstatt im Keller, Lackieren der Terrassen-Garnituren, Abriss des Windfangs und ausgedienter Duschen im Keller, Demontage überflüssiger Rohr- und Stromleitungen, Holzsägen. Um 8.47 Uhr schlägt der Rauchmelder an. Es ist überall staubig: Vom Wegschrappen des Teppichbodens, Einsetzen neuer Fenster, Sägen und Schleifen. Parallel zu den „Amateuren“ bauen Profi-Handwerker neue Wände, Böden und Fenster ein.
Auf der Terrasse muss nachgearbeitet werden. Unter dem Beton liegt zäher Bitumen über einer Folie. Darunter steht Nässe bis zu kleinen Seen. Es ist höchste Zeit für die Sanierung. Entlang der Mauer wird ein nicht vorgesehener Graben zur Wasser-Ableitung gezogen – mindestens 40 Zentimeter tief. Schüler, die an diesem Tag die umliegende Berglandschaft erkunden, greifen danach zu Schaufel und Spaten.
Mittwoch Streng wird die Prioritätenliste nach dem Container-Abholplan abgearbeitet. Der Metall-Container ist zu hoch beladen. Also wird umgeladen. Volker Lang schätzt, dass 20 Tonnen Betonreste weggefahren werden. Im ehemaligen Heizungsraum steht Feuchtigkeit. Die Wände werden behandelt, im Damen-WC Fliesen ausgetauscht, im Dachgeschoss Doppelstockbetten abgebaut.
Donnerstag Wieder ein voller Arbeitstag. Die Schüler fahren mit neuen Ideen heim und wollen gerne wiederkommen. Stefanie: „Es hat Spaß gemacht und war sehr gut für die Klassengemeinschaft. Auch die Ausflüge in die umgebende Landschaft oder zum Kops-Stausee waren wunderschön.“
Freitag Die Außenarbeiten an der Fassade werden fertig, bevor Schnee fällt. Bodenleger Andy Barbisch „jagt“ das Arbeitsteam durchs Haus. Immer wenn die Möbel in ein Zimmer mit dem neuen blauen Boden eingebaut sind, hat er schon das nächste fertig. Im Dachgeschoss sind die neuen, gedämmten Zimmerlager erkennbar – mit tollem Blick auf die Scheidseen. Im Schreiner-Team arbeitet Hüttenwirts-Sohn Maximilian als angehender Geselle. Es zeichnet sich ab, dass der Arbeitsplan am Samstagmorgen abgearbeitet sein wird. Deshalb wird Werkzeug zusammengesucht, aufgeräumt und ausgemistet. Im Keller ist plötzlich erstaunlich viel Platz
Am letzten Abend hebt Volker Lang das Sektglas: „Es war der größte Arbeitseinsatz, der je auf der Hütte stattgefunden hat. Ohne Euch wäre das nicht gegangen. Und wir haben bewiesen, dass wir über Generationen hinweg miteinander Großes schaffen können.“ Den jungen Marcus Ehlert hat man immer dort gesehen, wo – meist schwere - Arbeit anstand, aber auch beim Putzen. Für Fredi ist er der „Newcomer des Jahres“ im Team. Der Hüttenwirt lobt: „Burschen, das habt‘s super g‘macht“. Für ihn ist die Generalsanierung „wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen.“. Er sieht die Zukunft positiv: „Mit den kleineren Schlaflagern können wir jetzt über 70 Wanderer individuell in Räumen für zwei bis 14 Personen unterbringen.“
In den nächsten Tagen arbeiten Handwerker in den Gewerken Sanitär, Fenster, Holz, Teppich, Schlosserei und Flaschnerei, Verputz, Dachdeckung, Fassade, Terrassensanierung und Wegebau. Hüttenwart Volker W. Lang fährt im Wochenrhythmus auf die Neue Heilbronner Hütte, prüft den Fortgang und legt wie immer selbst Hand an.
Samstag Es gibt Kaisersemmeln zum Frühstück. Die Betten werden abgezogen, der Schnee nochmals von der Terrasse geräumt, letzte Malerarbeiten getätigt, die Baustelle ordentlich verlassen. Siegfried Lutz sagt zu Volker Lang: „Wenn Du uns brauchst, sind wir wieder dabei.“
Hintergrund
Der Arbeitsdienst der Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins wurde 1997 gebildet. In den ersten zehn Jahren wurden 42 Arbeitstage abgeleistet. Der damalige „Chef“ Peter Quattländer hat in diesem Zeitraum eine Ersparnis für den Verein in Höhe von rund 70000 Euro errechnet. 2011 war das vergrößerte und altersmäßig gemischte Freiwilligen-Team unter Leitung von Volker W. Lang acht Tage im Einsatz. Hochrechnungen auf der Basis von Stunden und Handwerkerangeboten ergeben einen Einsatz-Wert von rund 40000 Euro, den die DAV-Sektion Heilbronn spart. schw.






















